Der Fall der “Hölzernen Zeitzeugen”

Wir sind traurig. Diese Woche war es so weit: Der erste der “Hölzernen Zeitzeugen”, die wertvolle Ulme, ist gefallen.  Domprediger Giselher Quast hat dies zum Anlass genommen und einen offenen Brief an Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper verfasst.

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Offener Brief

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
lieber Herr Dr. Trümper,

heute ist ein Trauertag für mich. Mit mir trauern meine Frau und viele engagierte Bürger der Stadt, die sich für ein lebenswertes und verantwortungsbewußtes Magdeburg einsetzen:

Heute werden die beiden Großbäume in der Danzstraße gefällt, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, um deren Erhalt wir bereits zu DDR-Zeiten erfolgreich gekämpft haben und die nun den Bauinteressen der Stadt geopfert werden. Heute werden die Kastanien auf dem Südabschnitt des Breiten Weges gefällt, die eine gesunde Alleereihe bilden und nun Baufluchten geopfert werden, die die DDR ignoriert hatte.

Während in der Danzstraße die alten Baufluchten verworfen werden, werden sie am Breiten Weg bemüht und durchgesetzt, so daß der Eindruck entsteht, die Argumente werden immer so gewählt, wie es den Bau- und Investoreninteressen entspricht.

Wir werfen den Stadtplanern Magdeburgs vor, daß sie nicht in der Lage sind, Altes mit Neuem sinnvoll zu verbinden. Magdeburg hat im zweiten Weltkrieg das Gesicht einer geschlossenen Innenstadt verloren. Sowohl die sozialistische Magistralenbebauung als auch die Inverstorenarchitektur nach der Wende haben der Innenstadt kein urbanes Flair zurückgegeben. Der Stolz Magdeburgs, drittgrünste Stadt Deutschlands zu sein, ist in der Innenstadt nicht mehr nachvollziehbar.

Wir werfen der Stadt Magdeburg vor, in Zeiten des Klimawandels, der Erderwärmung und der Klimakatastrophen immer noch lebendiges Stadtgrün, das zur Lebensqualität einer Großstadt unabdingbar dazugehört, dem Stein und Beton zu opfern, die zur Verödung der Innenstädte beitragen. Die Ersatzpflanzungen für die gefällten Bäume erreichen niemals die Qualität und ökologische Wirkung der fehlenden.

Aus der Ulme in der Danzstraße – einer vom Aussterben bedrohten Baumart – sind in einem In-vitro-Verfahren neue Sämlinge gezüchtet worden. Aus dem Holz des Stammes sollen Künstler Kunstwerke schaffen. Das soll eine Referenz an die beseitigten Bäume sein. Es ist, als ob man die Männer in den Krieg schickt, weil man ja neue Kinder zeugen kann, während man den Gefallenen Denkmäler setzt. So wie jeder Mensch ist auch jeder Baum einmalig und unersetzbar.

Sehr geehrter Herr Dr. Trümper, heute ist ein Trauertag für mich und für Menschen, die die Ehrfurcht vor dem Leben nicht nur auf sich selbst und ihre Mitmenschen beziehen, sondern den Gesamtzusammenhang von Mensch, Natur und Kultur vor Augen haben. Möge die Stadt Magdeburg mit der ihr anvertrauen Umwelt künftig sorgsamer umgehen.

Hochachtungsvoll,
Ihr Giselher Quast
Domprediger

Nachtrag zur beschlossenen Fällung

IMG_4207In seiner Sitzung am 25.Juni 2015 hat der Magdeburger Stadtrat die Fällung unserer “Hölzernen Zeitzeugen” zugunsten einer Bebauung beschlossen. Sowohl die besondere historische, als auch die hohe ökologische Bedeutung haben nicht das Zünglein an der Waage sein können. Hier geht es eindeutig um wirtschaftliche Interessen.

IMG_4208Wir danken allen, die unser Anliegen zur Rettung der Bäume unterstützt haben – besonders den Musikern, die bei “Kunst trifft Natur” auf ihr Honorar verzichteten und den Kindern für ihre tollen Zeichnungen. Bleibt weiter wachsam und kritisch und aktiv als mündige Bürger, und lasst Euch nicht entmutigen!

Ihr Arbeitskreis Ökologie am Dom

 

Kunst trifft Natur – Aktion am Sa. 25.04.2015

Wie bereits angekündigt, haben wir uns für Sie etwas ganz besonderes ausgedacht. Anlässlich des Internationalen Tag des Baumes laden wir ein zu “Kunst trifft Natur – Musikalische Kunstgebung für den Erhalt der Hölzernen Zeitzeugen”. Wir freuen uns auf Sie!

Flyer - Kunst trifft Natur 25.04.2015

Flyer – Kunst trifft Natur 25.04.2015

Liebe Magdeburgerinnen und Magdeburger,

anlässlich des Internationalen Tag des Baumes möchten wir Sie zu unserer Aktion „Kunst trifft Natur – Musikalische Kunstgebung zu Ehren der Hölzernen Zeitzeugen“ einladen.

Unsere Stadt ist die zweitgrünste Deutschlands und soll es auch bleiben! Aber die Stadt betreibt eine katastrophale Baumpolitik: Allein 2014 wurden in Magdeburg 2.562 Bäume gefällt (die Dunkelziffer liegt noch höher), aber nur 1.054 Bäume nachgepflanzt.

Unrettbar verloren sind die Linden auf dem Werder und die Bäume auf der Wiener Straße. Nur auf dem Domplatz konnten 83 der 94 Linden durch Proteste vor dem Fällen gerettet werden.

Jetzt geht es um zwei Großbäume in der Danzstraße, die schon einmal gerettet wurden und jetzt fallen sollen: Eine 120jährige Ulme (eine vom Aussterben bedrohte Baumart) und eine 80jährige Platane, die beide nur so alt werden konnten, weil ihr Standort nicht bebaut war. Schon 1987 sollten die jetzt abgerissenen Plattenbauten bis zum Breiten Weg/Ecke Danzstraße vorgebaut werden. Schon die Androhung von öffentlichen Aktionen des Arbeitskreises Ökologie der Domgemeinde reichte aus, um die Baupläne zu ändern. Die Stasiakten halten bis heute dieses Oppositionsgeschehen von mutigen Bürgern der DDR fest.

Nun sollen die Bäume wiederum den Bebauungsplänen der Stadt weichen, die sich diesbezüglich nicht anders verhält als zu DDR-Zeiten. Auch sie nimmt die alten urbanen Baufluchten nicht auf. Es gibt aber auch Bebauungsvarianten, die die beiden Großbäume attraktiv in die Gestaltung des Areals einbeziehen könnten. Damit würde mit dem Bürgerdenkmal vor den Domtürmen, dem Mauerstück und den „Hölzernen Zeitzeugen“ neben dem künftigen Dom-Museum ein Stück jüngste Stadtgeschichte lebendig bleiben.

Ihr Arbeitskreis Ökologie am Dom
Pfarrerin Margitta Quast

 

Programm

15:00 Uhr
„Besuch bei den Nachbarn“
Führung zu alten Großbäumen in der südlichen Innenstadt mit Christian Belger

16:00 Uhr
Begrüßung
Gruppe Foyal (Klezmer, Folk, Balkan)
Ansprache Domprediger Giselher Quast

17:00 Uhr
Starbridge Folkband

Nachgereicht: Ein weiterer Artikel der Volksstimme

Die Magdeburger Volksstimme von letzter Woche Donnerstag hat schon etwas verraten: Auch wenn die Prüfung der Schutzwürdigkeit unserer Hölzernen Zeitzeugen jetzt im Gange ist – wir planen weitere Aktionen wie zum Beispiel eine Veranstaltung unter dem Motto „Kunst trifft Natur“ im Frühjahr. Lassen Sie sich überraschen!

Artikel_VS_Hoelzerne_Zeitzeugen_05_03_2015

Magdeburger Volksstimme vom 05.03.2015

Post von Oberbürgermeister Trümper

Aus Urlaubsgründen folgt nun die erste Rückmeldung auf unsere Initatiative. Wir möchten Ihnen die gute Nachricht nicht vorenthalten: Unser Anliegen hatte einen ersten Erfolg! Hunderte(!) Briefe sind laut Oberbürgermeister Trümper im Rathaus eingegangen und haben ihre Wirkung augenscheinlich nicht verfehlt! Die Schutzwürdigkeit der Bergulme und der Platane wird nun seitens der Stadt geprüft.

Brief_OB_Hoelzerne_Zeitzeugen_03_02_2015

Brief von OB Trümper als Rückmeldung auf unseren Antrag und Ihr Engagement

 

Wir freuen uns alle sehr über diese Nachricht und sind zuversichtlich, dass die Prüfung zu einem positiven Ergebnis kommen wird. Vor Beendigung der Prüfung wird es laut Aussage des Oberbürgermeisters zudem keinen neuen Bebauungsplan für das Areal und somit auch keine Fällung der beiden Bäume geben. Der Oberbürgermeister möchte uns weiter über den Stand der Prüfung informieren. Wir werden diesen gespannt verfolgen und Sie an dieser Stelle weiter informieren.

Vielen lieben Dank an alle Bürger_innen, die in den letzten Wochen so fleißig Briefe verschickt haben! Neben dem oben verlinkten Brief des Oberbürgermeisters, finden Sie zusätzlich einen weiteren Zeitungsartikel aus der heutigen Ausgabe der Lokalzeitung “Volksstimme“.

Artikel_VS_Hoelzerne_Zeitzeugen_23_02_2015

Magdeburger Volksstimme vom 23.02.2015

 

Online-Petition gestartet

Liebe Leser_innen,

um den Erhalt der “Hölzernen Zeitzeugen” – einer alten Ulme und einer Platane – am Magdeburger Dom zu unterstützen, haben Sie ab jetzt die Möglichkeit an unserer Online-Petition teilzunehmen.

Alternativ können Sie auch durch einen Brief an unseren Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper diesem Anliegen Ausdruck verleihen. Eine Vorlage haben wir für Sie vorbereitet und kann hier heruntergeladen werden.

Vielen Dank, Ihr Arbeitskreis Ökologie.baeume_heute-7